Bisch gimpft?

Das hätte ich mir ja bis vor einem Jahr nicht in meinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können. Keinen Menschen interessierte das und es ging auch keinen was an.
'Bist du geimpft?' fragt mich nun Hinz und Kunz. Und ich Lappi falle immer wieder darauf herein und gebe Antwort. Je nachdem, ob die Antwort meinem Gegenüber gefällt oder nicht, geht dann der Daumen rauf oder runter. Ich werde also nach meinem Impfstatus gegen diese eine Krankheit beurteilt. Was ich sonst so treibe und welche Meinung ich zu anderen Themen habe, interessiert die Leute heute so wenig wie früher mein Impfbüchlein. Hauptsache, ich bin geimpft. Oder nicht geimpft. So oder so bin ich für die einen eine Verbündete in ihrem Kampf für oder gegen die Massnahmen, für andere eine unsolidarische Verräterin. 
Heutzutage impft man sich also nicht mehr für sich selbst, weil man sich dafür entschieden hat, sich gegen eine Krankheit zu schützen, sondern für andere. Aus einer für mich nicht mehr nachvollziehbaren 'Solidarität', aufgrund von Druck, bis hin zu Zwang.
Seltsame Welt! Mir kommt da das grosse Fürchten! Ab heute darf ich jetzt also auch in unserer demokratischen, freiheitlichen Schweiz nur noch ins Restaurant, Kino, Theater... wenn ich mit einem Zertifikat beweisen kann, dass ich diese eine Krankheit wahrscheinlich nicht habe.
Nun, ich habe hier ja bereits irgendwann mal geschrieben, dass ich vor der Abstimmung zum Epidemiengesetz im Jahr Weissnichtmehrwann grosse Bedenken hatte, dass der Staat bei Annahme dieses Gesetzes zu viel Macht erhält. Jetzt hat er diese Macht und nutzt sie auch. Eine (vermutlich knappe) Mehrheit der schweizer Stimmberechtigten befürwortet das nach wie vor. Eine (vermutlich knappe) Minderheit hat sich zu fügen. Man nennt das auch Diktatur der Mehrheit. 
Mein Verständnis von Demokratie geht anders, ist aber wesentlich komplizierter. Mein Verständnis von Demokratie hätte viel mit Inklusion zu tun oder mit Diversität, mit einander Zuhören, einander respektieren und andere Meinungen anzuerkennen. Leider habe ich das Gefühl, dass auch in der Schweiz das Schwarzweissdenken immer mehr um sich greift.
Ja, ich weiss, in der Schweiz haben wir vergleichsweise milde Massnahmen im hilf- und konzeptlosen Versuch, dieses Virus zu bekämpfen. Trotzdem macht es mir wirklich Angst, wenn nun Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht gegen dieses Virus impfen, von Teilen des öffentlichen und kulturellen Lebens ausgeschlossen werden oder nur unter erschwerten Umständen teilnehmen können. Das kommt nicht gut! Daran werden wir alle noch lange zu Beissen haben!
Und das alles unter dem Motto: die Spitäler und das, ach so wertvolle, Pflegepersonal nicht noch mehr zu belasten. 
Krankenkassen, Unfall-, Invaliden-, Altersvorsorgevesicherungen haben in den letzten 58 Jahren sehr, sehr, sehr viel Geld von mir erhalten. Immer mit dem Solidaritätsgedanken. Und immer habe ich versucht, meine Selbstverantwortung so gut als möglich wahrzunehmen. 
Ob jemand bereits bei der Geburt eine Krankheit hat oder alt ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann, ob jemand durch einen Unfall beeinträchtigt ist, ob jemand unter einer somatischen oder einer psychischen Erkrankung leidet, ob jemand arbeitslos wird, von Armut betroffen ist... egal, ob 'selbstverschuldet' oder nicht, das Prinzip unserer Sozial- und Krankenversicherungen heisst Solidarität. Mitwirkung und Selbstverantwortung wird dabei natürlich von den zuständigen Stellen vorausgesetzt und eingefordert. 
Ich bin erschüttert, dass sich heute Menschen anmassen, pauschal über andere zu urteilen.
Ich bin tief erschüttert, dass man  heute öffentlich die Meinung kundtun darf, dass Menschen, die an diesem Virus erkranken, keinen Anspruch auf Pflege haben sollten wenn sie nicht dagegen geimpft sind. 
Ich bin erschüttert, dass in der Schweiz mitten in einer Pandemie viele Intensivbetten abgebaut werden können und man dies mit Mangel an Pflegepersonal zu begründen versucht. Pflegepersonal notabene, für das man zwar gerne mal ein wenig klatscht, aber nicht bereit ist, attraktive Arbeitsbedingungen zu finanzieren. 
Da fällt mir grad ein, nur, falls das hier überhaupt jemand liest: Wir stimmen in der Schweiz im November über die Pflegeinitiative ab. Ich hoffe, dass sich dann ganz, ganz viele Stimmberechtigte für mehr Solidarität mit und Wertschätzung für uns Pflegefachleute aussprechen.
Ich bin hin und her gerissen, ob ich nun aus Solidarität mit und Wertschätzung von Kulturschaffenden und Restaurants mittels eines Zertifikats beweisen werde, dass ich dieses Virus wahrscheinlich nicht habe oder ob ich aus Prinzip nun Orte vermeiden soll, die Menschen, welche eine andere Meinung haben als eine Mehrheit der Stimmberechtigten, ausgrenzen (müssen!).

Das war jetzt etwas viel Frust, der da wieder mal raus musste... aber eigentlich geht es mir gut! Zum Glück gibt es in meinem Leben noch ganz, ganz viel anderes als dieses Virus.

 


Kommentare

  1. Gratulation für diesen tollen Post. Mich hat allerdings noch keiner gefragt, ob ich geimpft bin und was ich auch immer bin oder nicht bin, das werde ich auch nicht an die große Glocke hängen.
    lch finde es schon sehr merkwürdig, dass viele damit prahlen geimpft zu sein und dann auch noch u.U. das Impfzeugnis zeigen. Inzwischen kann man diese Pässe ja wohl für 200 Euro kaufen
    Interessant ist es auch, dass unser Herr Spahn gesagt haben soll, dass wenn die Geimpften auch getestet werden würden, die Pandemie nicht mehr aufhört. Denn auch Geimpfte können ja infiziert sein und sich anstecken.
    In einem mir bBekannten Betrieb gab es einen Coronaausbruch und alle Geimpften wurden positiv getestet und die Ungeimpften natürlich auch und die waren negativ.
    Was ist das für eine Welt, wenn du als Gesunder nachweisen sollst, dass du geimpft bist.?

    Der SPD Kanditat hat gesagt, dass wir Versuchskaninchen sind und das ist gut so, sonst würde der Impfstoff viel zu lange dauern, bis er erforscht ist. Super und sowas sagt dieser Mensch zu seinen Wählern.
    Ich bin aus verschiedenen Gründen nicht in Urlaub gefahren, obwohl gebucht und bekam dann gleich eine böse Mail und auch sehr böse Kommentare mit "Virenschleuder".
    Das muß ich mir nicht gefallen lassen und habe Strafantrag gestellt.
    So weit muß das kommen und ich bin mal gespannt, wenn wir uns nicht mehr auf diverse Bänke setzen dürfen und auch auch in Bus und Bahn diverse andere Abteile nehmen müssen. Ich finde auch, dass das ganz schon diskiminierend ist, wo doch das in unserem Staat nicht vorkommen darf. Ähem!!!!
    Komisch finde ich, haben die Leute auch so angegeben, wenn sie gegen Masern, oder Tetanus usw. geimpft werden.
    Ich bin überzeugt viele lassen sich nur impfen, damit sie ihr Leben so weiter leben können und auch verreisen können. Meiner Ansicht nach zeigt aber der, der hier "Halt" sagt schon sehr große Stärke und wird dafür verachtet. Toll und irgendwie kommt einem das doch so bekannt vor.
    Noch etwas, ich weiß aus zuverlässiger Quelle von Jemand, der sich gegen die Schweinegrippe hat impfen lassen, heute Alzheimer hat. Ich denke, in der nächsten Zeit wird das wohl merfach vorkommen, aber zugeben wird das wohl keiner.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend, sende dir liebe Grüße und danke dir für diese hervorragenden Post.
    Eva

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  2. Liebe Monika
    Vielen herzlichen Dank für deinen grandiosen Beitrag! Ich könnte heulen. Habe das Gefühl, ich hätte seit dem Frühjahr eine Abzweigung verpasst. Es hiess doch stets, wenn alle geimpft sind, die sich impfen lassen WOLLEN ...
    Und jetzt? Bin ich mit meinem Entscheid, mit der Impfung zuzuwarten, weil mein Körper durch das Nesselfieber, Covid und weitere Ausschläge eine Pause verdient hat, plötzlich zur Aussätzigen, zur Unsozialen Bürgerin und zum Sündenbock geworden. Ich verstehe die Welt nicht mehr! Jahrelang habe ich darauf geachtet gesund zu leben. Naturverbunden. Habe kaum einmal ein Medikament benutzt. Auch für die Kinder nicht. Und plötzlich will man gesunde Menschen dazu zwingen sich impfen zu lassen.
    Mein Mann gehört laut Hausarzt vermutlich zu jener Gruppe, die aus unerklärlichen Gründen immun bleiben. "Nur interessiert das die in Bern nicht." Aussage des Arztes. Nun denn, faktisch bedeutet es wieder ein Arbeitsverbot für meinen Mann, da Besuche in den SAC Hütten jetzt unmöglich sind. Und in den Bergbahnen vielleicht auch bald. Aber auch diese Phase werden wir meistern!
    Ich bin ja gespannt wie es weiter geht. Und ich weiss jetzt schon was ich am 28.11 abstimmen werde. Und ich glaube ich komme auch ohne öffentliche Institutionen klar bis dahin. Auch wenn ich mich so wie heute, sogar bei meinen Freunden dafür rechtfertigen muss. Es ist einfach himmeltraurig! Wir haben aber gottlob auch Freunde, die gleich denken wie wir. Und dann gibt es ja auch noch dich! ❤️ DANKE!
    Liebe Grüsse
    Paula

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